Irrsinn in Dosen: Verstappen verleiht den Fans am Ring Flügel

In keinem kitschigen Groschenroman hätte man es besser erzählen und für die Nachwelt festhalten können. Da jährt sich der Tag, an dem der Grundstein zur schönsten und schwierigsten Rennstrecke der Welt gelegt wurde, zum 100. Mal. Und ausgerechnet zu diesem denkwürdigen Ereignis kommt, wie wundersam aus Grimms Märchen empor gesprungen, der derzeit beste Rennfahrer der Welt. Er versetzt alle, die da sind, in einen Rausch zwischen Erstaunen, Ungläubigkeit und einer Heldenverehrung die fast schon bizarre Züge trägt.

So, oder zumindest in groben Zügen so ähnlich, verlief das heiß erwartete GT3-Debüt des vierfachen und amtierenden Formel1-Weltmeisters Max Verstappen am Samstag beim ADAC Barbarossapreis auf der Nordschleife und der Kurzanbindung des Nürburgring Grandprix-Kurses. Verstappen, dessen Legalität eines Rennstarts erst zwei Wochen zuvor manifestiert worden war, kam, sah und siegte. Fast eine halbe Stunde lang bei der Startaufstellung in einen schier unübersichtlichen Menschenauflauf eingekesselt und nur mit Hilfe des Einsatz seiner eigenen Security in der notwendigen Bewegungsfreiheit nicht gehindert, zeigte der Red-Bell-Pilot, von Position drei aus gestartet, der Konkurrenz bereits nach nur wenigen Hundert Metern die Rücklichter seines Ferrari 296 GT3.

Von da an verlief eigentlich alles so nach Plan, wie man das bei einem Piloten dieser Extraklasse erwarten durfte. Aus den wenigen Sekunden Vorsprung war bereits nach ein paar Runden ein halbe Minute geworden. Verstappen, so lange er noch nicht im Verkehr steckte und bei Überrundungen keinen Slalomkurs absolvieren musste, war unterwegs beim erklärten Ziel: Den Rundenrekord des Norwegers Christian Krognes mit einem GT3-Fahrzeug von 7:49.578 zu brechen. Dass es dafür dann – warum auch immer – doch nicht gereicht hatte, zeigte aber auch, dass die Konkurrenz in einem solchen Multiclass-Feld eben nicht zweitklassig ist. Und dass Passagen mit gelben Flaggen oder Code-60-Phasen halt doch etwas anderes sind als das eher stupide Runden sammeln auf den meist sterilen, ebenen Formel1-Pisten rund um den Globus.

Als er das Fahrzeug nach gut zwei Stunden seinem Freund und Teamkameraden Chris Lulhalm übergab, hatte der Niederländer bereits eine gute Minute auf den auf Platz zwei folgenden Nordschleifen-Routinier Frank Stippler im Ford Mustang GT3 herausgefahren. „Es fühlt sich super an, bei meinem ersten Rennen hier gleich zu gewinnen“, gab der Held dieses Tages, der auch noch zum „Fahrer des Rennens“ gewählt wurde, nach der Siegerehrung preis. Und er wiederholte, was er schon zuvor einige Male angekündigt hatte: „Mein Ziel ist es, irgendwann einmal beim 24h-Rennen auf dem Nürburgring dabei zu sein.“

Ob das bereits im kommenden Jahr der Fall sein wird, wenn der Langstreckenklassiker in der Eifel zwischen den beiden F1-Auftritten in Miami und Montreal (Kanda) erfolgen wird, ließ er indes noch offen. Möglich wäre es schon. Und wer den Vollblut-Racer Max Verstappen nur ein wenig kennt und seine Beweggründe versteht, der weiß, dass er nicht noch Jahre auf diese Gelegenheit warten möchte. Seine zum Ende des Tages gemachte Ankündigung “Daher fahren wir nächstes Jahr hoffentlich auch noch mehr NLS-Rennen“ klang jedenfalls schon wie eine Drohung an die Konkurrenz.

Vielleicht sind ja dann auch noch Gegner wie Falken Motorsports mit seinen beiden in diesem Jahr dominierenden Porsche 911 GT3 R oder die BMW M4 GT3 am Start. Die hätten wohl auch Samstag am ehesten das Zeug dazu gehabt, dem alles dominierenden Holländer zwar nicht in die Suppe, aber in die Dose zu spucken.

Text und Fotos: Charlys Autos