KIA EV6 GT: Porsche-Jäger oder Familienkutsche

Wer nach Argumenten, die gegen ein Batterie-elektrisch betriebenes Fahrzeug sprechen, sucht, der untermauert seine Bedenken, schlimmstenfalls seine Aversionen, in der Regel mit Attributen wie „zu geringe Reichweite, zu teuer, zu lange Ladezeiten.“ Oder prangert gleich die ganze unzureichende Lade-Infrastruktur mit an. Und die Hardcore Verbrenner-Fans führen natürlich die sprichwörtlich fehlende Freude am Fahren, das mangelnde sportive Element an diesen „grünen Kisten“ an. Dass sie damit aber im Einzelfall sowas von daneben liegen, das beweist unser heutiger Fahrbericht. Es geht um den Kia EV6 GT nach dessen Facelift.

Eigentlich genügt schon das bloße Hinsehen, um zu erkennen, dass hier ein flotter, fast möchte man sagen, aggressiver BEV (battery electric vehicle) darauf wartet, auf die Straße losgelassen zu werden. Eine Front, bestehend aus vielen kleinen zackigen Elementen, versehen mit einer Art „Reißzähnen“ auf der unteren Lippe dicht über dem Asphalt. Grellgrüne, zupackende Bremssättel. Dazu mächtige 21-Zöller mit 255er „Schlappen.“ Ein Heck, das mehr einem auf Endgeschwindigkeit ausgerichteten GT als einem Batterie-Betriebenen Sonntagsauto für die Familie ähnelt.

Hat man in der überarbeiteten elektrisierten Wuchtbrumme Platz genommen, empfängt einen sportliche High-Tech-Atmosphäre „state of the art.“ Wie etwa zwei 31,2-cm-Displays mit so vielen Infos, dass der geneigte Arbeitnehmer sich am besten einen Tag Urlaub nimmt, um sich durch die Menge der Info-Angebote aller Art zu klicken. Die in dezentem variierenden Grau gehaltenen Sitze pressen Fahrer oder Fahrerin derart zupackend zwischen die Wangen, dass man den auffallenden GT-Knopf am Lenkrad quasi wie selbstverständlich betätigen möchte, um nichts zu verpassen.

Steht bei einem Stromer ein Facelift an, dann ergeben sich in erster Linie Eingriffe, die die bisher kritisierten Eigenschaften wie Reichweite, Ladezeit, Ladegeschwindigkeit peu a peu ad absurdum führen und den Abschied aus der gewohnten Verbrenner-Welt erträglicher gestalten  sollen. Beim EV6 GT ist das – zusätzlich zu den optischen „Scharfmachern“ – nicht viel anders. Bedeutet unter dem Strich: Mehr Komfort, größerer Akku (84kWh), mehr Leistung (650 PS). Was das fürs Fahrverhalten bedeutet, darüber mehr im eigenen Text auf dieser Seite.

Kia hat auch beim Alltagskomfort, zu dem jede Menge Platz für das fahrende Personal und deren Gepäck gehören, erheblich nachgebessert. Das bedeutet, dass sich der am besten vorkonditionierte Akku nun in 18 Minuten von 10 auf 80 Prozent aufladen lässt. Vorausgesetzt, man teilt sich nicht an einer 300er Säule irgendwo auf der Autobahn mit einem weiteren Stromer den Energiespender. Doch das 800-Volt-Beordnetz verhinderte auch schon vor dem Facelift übermäßigen Kaffeegenuss, bevor es endlich weiterging.

Der EV6 GT ist ein Zauberladen mit GT-Modus. Einem Equipment, mit dem sich 650 PS und 770 Newtonmeter über die beiden Achsen hermachen und mit aktivierter Launch Control in dreieinhalb Sekunden den Sprint von null auf 100 bravourös erledigt haben. Mit Driftmodus, der dem Fahrzeuglenker das bestätigt, was Er oder Sie eigentlich schon längst vermutet hatte: Quer ist das Leben eben doch am schönsten. Mit vorgegaukelten  Schaltsequenzen und einem virtuellen V8-Sound, der den Abschied von der Welt der Kolben und Kerzen erträglicher simuliert.

Auch Elektro-Autos aus dem Feinkostladen fahren aber nicht mit Zuckerwasser. Unter 25 kWh für 100 Kilometer, eher mehr, geht nichts, will man nicht das Gefühl haben, im Heißluftballon unterwegs zur Mond-Expedition zu sein. Das Thema Reichweite sollte man deshalb in diesem speziellen Fall mit Vorsicht genießen und dem Faktor Vergnügen Priorität einräumen. Dass Kia vor 32 Jahren mit dem Sephia den hiesigen Markt mit der Absicht betrat, bezahlbare, langlebige und sichere Autos zu bauen, schwingt übrigens noch mit. Der Einstiegspreis von 69.900 Euro für diese Mischung von Audi-Quattro oder Mercedes-AMG-Jäger und Familienkutsche ist aller Ehren wert.

Technische Daten Kia EV6 GT

Ausführung:                       fünfsitziges SUV

L / B /H:                               4,69 / 1,89 / 1,55 Meter

Radstand:                            2,90 Meter

Kofferraum:                        546 -1280 Liter

Leergewicht:                       2200 kg

Motor:                                  Permanentmagneterregte Elektromotoren vorn und hinten

Leistung:                               650 PS

Akkukapazität:                     84 kWh

Antrieb:                                Allrad

Null auf 100:                        3,5 Sekunden

Höchstgeschwindigkeit      260 km/h

Verbrauch nach WLTP        20,9 kWh auf 100 Kilometer

Reichweite:                           450 Kilometer

Preis:                                      ab 69.900 Euro

Text: Charlys Autos / Fotos: art-pic