Der Juli eines jeden Jahres hat bei mir einen unumstößlichen Termin. Im nächsten Jahr werden es 30 Jahre sein. Das sind der Besuch und die Berichterstattung über die vielen kleinen und großen Geschichten am Rande der Tour de France. In der Regel teile ich meine Tour-Besuche auf, um mir die interessantesten Etappen und Streckenabschnitt aus zu packen. Dann bleibt dazwischen auch noch Zeit, um meinen eigentlichen Kern-Job zu erledigen. Schließlich heißt dieses Magazin ja „Charlys Autos.“

Das hat sich in diesem Jahr mit der Fahrpräsentation des neuen Volvo EX 60 besonders gelohnt. Auch wenn eine ziemlich heftige und optisch nach lange danach erkennbare persönliche Malaise in Form eines heftigen Sturzes damit verbunden war. Wofür aber Volvo nix konnte, sondern das war alleine der „Hans-guck-in-die-Luft“ in mir.

„Sicher wie ein Volvo“ Das war über Jahrzehnte, ein geflügeltes Wort in der Autobranche. So wie im allgemeinen Sprachgebrauch so sicher wie das „Amen in der Kirche“ oder das „tägliche Brot“. Den zum chinesischen Geely-Konzern gehörenden Schweden läuft dieses Prädikat wie ein Mantra vorneweg. Dabei stehen die Fahrzeuge des skandinavischen Autobauers neben den beschriebenen Tugenden längst auch für anspruchsvolle Technik, edle Innenräume und ein klares energiepolitisches Konzept. So wie das neue elektrische Mittelklassemodell EX 60.

Volvo will mit dem EX 60 nichts Geringeres als in der Premier League der vollelektrischen Familien-Angebote ganz vorn mitspielen. Wie etwa Audi Q6 e-tron, BMW ix3 oder Mercedes GLC EQ. Der EX 60 hat jedoch eine Menge Vorzüge, die ihn in den gegnerischen Strafraum vordringen lassen: 800-Volt-Technik fürs schnelle Laden, 800 Kilometer Reichweite nach der gesetzlich vorgeschriebenen WLTP-Messung. Dazu einige optische Kniffe und Tricks, die man – ja nach Gusto – nicht unbedingt als Fortschritt anerkennen muss. Bei Volvos vollzogener Wandlung zum cleanen, skandinavisch cool und top designten rollenden Space-Lab mit Wohlfühl-Garantie blieb nämlich kein Platz mehr für analoge Bedienungseinheiten. Nach dem Motto „Mein tägliches Untermenü gib mir heute“ kann, nein muss man eine gewisse Fingerfertigkeit dafür besitzen und lieben.

Etwa um die persönliche Sitzposition oder die der Außenspiegel zu verstellen. In den Menüs findet man jede Menge weitere Optionen, die für das exakte anwählen der gewünschten „Mahlzeit“ inklusive Fahrlicht oder Bedienung der Luftdüsen zwar kein vorheriges Trainingslager erfordern. Wenn man es dann aber einmal durchschaut hat, ist die wunderbare Welt der digitalen Amelie plötzlich kein Buch mit sieben Siegeln mehr.

Volvo hat sich erfolgreich darum bemüht, dem EX 60 etwas von seinem SUV-Charakter zu nehmen. Er kommt, auch durch den sehr langen Radstand, eher auf einen etwas höher gelegten Kombi raus. Vielleicht auch eine Reminiszenz an die eigene Geschichte, hat diese Karosserieform bei den Schweden doch eine große Tradition und wird als 850 sogar noch im historischen Rundstreckensport eingesetzt.

Im Großen und Ganzen aber dockt der EX 60 an den optischen Auftritt der elektrischen Modellfamilie an. „Thors Hammer“ als Beleuchtungs-Indikator findet man ebenso wie die geschlossene Front, serienmäßige Matrix LED Scheinwerfer, die optional noch gegen Aufpreis als Pixel-LED-Technik bestellt werden können. 25.600 Einzel-LED’s sorgen dann für nochmalige verbesserte Sicherheit im gesamten Umfeld. Statt des gewohnten Türgriffs gibt es beim EX 60 Türöffner unterhalb des Fensterabschlusses. Das Türschloss wird elektrisch bedient und soll sich auch im Falle eines Unfalls, auf jeden Fall öffnen lassen.

Volvo hat sich beim Lenkrad von Peugeot inspirieren lassen. Das ist nicht nur unten und oben abgeflacht, sitzt weit vorn auf dem Armaturenbrett, sondern liegt ohne voluminösen Lenkkranz ausgezeichnet in der Hand. Der EX 60 hat aber noch mehr kritikfreie Inhalte zu bieten. Da wäre das hinten wie vorne hohe und klug angeordnete Platzangebot. Ein Kriterium, das auch für den Kofferraum gilt, der sogar noch eine zusätzliche große, herausnehmbare, Box für Freizeit-Utensilien aller Art offeriert.

Ein Panorama-Glasdach ist serienmäßig. In der Ausstattungsstufe Ultra kann man das Teil sogar noch elektrisch verdunkeln. Mittig unter dem Armaturenbrett findet man das Handschuhfach inklusive der USB-Anschlüsse zum Aufladen von elektronischen Geräten. Den Bordcomputer findet man im Menüpunkt „Apps“. Die Sprachsteuerungwird dem Zeitgeist folgendüber Google Gemini erledigt.

Drei Antriebsversionen stehen für den EX 60 zur Wahl: Sie nennen sich P6, P10 und P12. Da wäre der EX 60 als P6 mit Hinterradantrieb, einem 83-kWh-Akku und einer 374 PS starken Maschine. Gefolgt vom über alle vier Räder angetriebenen P 10. In dessen Datenheft stehen ein 95-kWh-Akku und ein Motor, der 510 PS leistet. Für den Hecktriebler nennt Volvo 611 Kilometer Reichweite. Mit dem Allradler soll man 660 Kilometer weit kommen.

Wer nicht unbedingt auf die Allrad-Technik wert legt, der ist mit dem P6 und dem kleineren Energiespeicher genauso komfortabel dran. Die „Basisvariante“ dieses Mittelklassemodells erledigt den Spurt auf Tempo 100 in 5,9 Sekunden. Dass der stärkere P10 diese Übung in 4,6 Sekunden erledigt, wird niemand an den Pedalen und am Lenkrad im P6 bemerken, geschweige denn vermissen. Einzig beim Abrollkomfort kommt noch bei der adaptiven Federung des P10 ein weiteres zusätzliches Qualitätsmerkmal hinzu.

Ab 2027 beschließt die Top-Version P12 die Baureihe. Die packt einen 117 -kWh-Akku und eine Maschine mit 680 PS obendrauf. Damit soll sich die Zeitspanne bis zur 100 km/h-Marke auf 3,9 Sekunden verzögern und letztendlich auch jene 810 Kilometer Reichweite bringen, die Volvo bei der Anmoderation des Modells gerne in den Vordergrund stellt.

Paradeübung des Neuen ist das Laden: Die 800 Volt-Technik sorgt für ultraschnelles Laden an DC-Schnellladesäulen. Von 10 auf 80 Prozent soll es, eine Säule mit 350oder 400 Ladeleistung vorausgesetzt, dank maximal 320 kW beim 83-kWh-Akku und 370 kW Ladeleistung (95- und 117-kWh-Akku) etwas mehr als eine viertel Stunde dauern. Entsprechend geringer ist auch der Zeitaufwand bei kommunalen AC-Säulen oder an der Wallbox zu Hause. Bei maximal verfügbaren 22 kW soll ein leerer Akku in vier, bzw. viereinhalb Stunden wieder gefüllt sein.

Bleibt die Preisfrage. In der Champions League der vollelektrischen Familienmodelle wird man dort bei keinem Hersteller ein Sonderangebot finden. So auch hier bei einem top ausgestatteten Modell mit sehr guten Lade- und Reichweiten-Zahlen (siehe eigener Bericht). Der EX60 P6 beginnt bei 62.990 Euro, der P10 kostet ab 65.990 und der angekündigte P12 beginnt bei 71.990 Euro.
Text: Charlys Autos / Fotos: Christian Bittmann, Volvo
