Alfa Romeo GT1300 Junior: La dolce Vita im Hunsrück

Der GT („Bertone“) aus der Feder des Designers Giorgio Giugiaro gilt seit Jahrzehnten als Alfas schönste Primadonna der 1960er Jahre. Und wenn es je den Archetypen eines italienischen Sportcoupés gab, dann den GT 1300 Junior. Statt eines angestaubten Triumph TR3 wäre Anita Ekberg in Federico Fellinis „La dolce Vita“ – („Das süße Leben“) mit Marcello Mastroianni als römischem Klatschjournalisten Marcello Rubini in dem italienischen Kantenhauber besser auf dem Weg zum nächtlichen Baden im Trevi-Brunnen aufgehoben gewesen.

Zwar nicht unter dem Wasserfall des römischen Cineasten-Epos, aber unter dem an diesem Tag strahlend blauen Himmel des im Hunsrück gelegenen ehemaligen Fliegerhorstes Pferdsfeld hatten wir die einmalige Gelegenheit, dieses handverlesene Exemplar italienischer Automobilkultur selbst auf der dortigen Flugplatz-Rennstrecke selbst pilotieren zu dürfen- Ein GT 1300 Junior, Jahrgang  1970. „Der ist original aus dem Zulassungsjahr. Nichts restauriert“, klärt mich Valentin auf, der dieses seltene Automobil wie seine Westentasche kennt. 2Er ist zuerst in Rom und später in Mailand gelaufen.“ Das Milaneser Kennzeichen unseres weißen GT1300 legt Kennzeichen seiner Expertise ab.

Die Motorisierung des Vierzylinder Reihensaugmotors mit zwei obenliegenden Nockenwellen („Doppelnocker“); reichte von 1.3 bis zu zwei Litern.2.0 Liter Hubraum. “Braucht er unten rum Drehmoment?“, frage ich Valentin, bevor wir uns auf die kleine, aber in Passagen herausfordernde Runde auf dem versteckt gelegenen kleinen Fliegerhorst am Randes Soonwalds machen. „Nicht übermäßig. Du kannst ihn ruhig etwas untertourig fahren.“

Es hat den Anschein, als versinken wir im Interieur dieses Italo-Klassikers in einer längst untergegangenen Welt des Retro-Stils und der postmodernen Nierentisch- und Stehlampenkultur. Körperbetontes, breites, Leder-Fauteuil. Glänzendes Chrom. Wunderbare analoge Instrumente hinter rundem, mächtigem Glas. Teakholz statt Plaste. Kunstvolle kleine Teppiche statt aufgeschäumten Gummimatten unter den Schuhen. Der lange, von einer Ledermanschette umwickelte Schaltknüppel liegt wunderbar geschmeidig in der Hand und lässt sich fast schon herausfordernd lasziv durch die weiten Schaltkulissen führen.

Unsere Gastgeber hatten uns am „Giornata dell Alfa Romeo“ die Gelegenheit gegeben, einen der ganz wenigen noch erhaltenen, nicht restaurierten GT1300 Junior auf diesem abgesteckten Flugplatzkurs zu manövrieren, der dem Charakter dieses einzigartigen Fahrzeugs entgegenkam. Kleine winklige Ecken, eine leicht überhöhte Steilkurve und einen lange Grade, um den italienischen Klassiker der 1960er und frühen 1970er Jahre mit seinen 87 PS einmal „in freier Wildbahn“ aus zuführen. Mit einem jungen Mann an unserer Seite, der, wie er selbst sagte, „mit diesem Auto groß geworden ist“ und uns die auch für einen Mobilitätsjournalisten notwendigen Verhaltens-Tipps dieser über die Hinterräder angetriebenen Legende aus der späten Mitte des vergangenen Jahrhunderts anvertraute.

Knapp 12.000 Mark, soviel wie etwa zwei VW Käfer 1200 zur damaligen Zeit, rief Alfa Romeo seinerzeit für die bourgeoise Ausgabe des 1300 Junior auf. „Der hier“; erzählte uns Valentin, wird von Classic Data im Moment im 1er Zustand 37.000 Euro geschätzt. Alfa wollte sich, der Name deutet es an, damit an ein jüngeres, finanziell weniger gut ausgestattetes Publikum wenden. Die größere Ausgabe, der Sprint GT, wurde zu einer Zeit, als viele deutsche Autofahrer, gerade mal den Messerschmitt Kabinenroller gegen den ersten Käfer oder einen braven Opel Kadett A getauscht hatten, mit etwa 17.000 Mark gehandelt.

Wer hierzulande ausgangs der „Golden Sixties“ etwas darstellen wollte, und dem „cuore sportivo“ etwas entgegen setzen wollte, der fuhr einen Karmann Ghia. Sicherlich auch ein Fahrzeug, das aus der Masse des damaligen Angebotes herausragte und den Fahrer oder die Fahrerin durchaus mit Besitzerstolz erfüllen durfte. Das schwedische Sexsymbol jener Jahre, Anita Ekberg, jedoch mit einem Fahrzeug aus Osnabrück in den lauen römischen Nächten unterwegs: Nein, das ließe sich noch viel weniger akzeptieren als einen Triumph T3. An dessen Stelle ohnehin ein Prädikat der Anonima Lombarda Fabbrica Automobili gehört hätte.

Technische Daten Alfa Romeo GT 1300 Junior

Ausführung:                       viersitziges Sportcoupé

L / B / H:                           4,08 / 1,58 / 1,31 Meter

Motor:            4-Zylinder-Reihe (Viertakt), vorne

Maximale Motorleistung: 87 PS bei 6.000 U/min

Motoraufladung:                                   Saugmotor

Antrieb:                                                      Hinterrad

Getriebe:                                     Manuell; 5-Gang-

Gemischaufbereitung:            2 Doppelvergaser

Ventilsteuerung: 2 obenliegende Nockenwellen

Höchstgeschwindigkeit:                         170 km/h

Produktionsbeginn:                                        1966

Produktionsende:                                           1977

Text: Charlys Autos / Fotos: Dino Eisele